„Luftballons für unsere Kinder“ – Zwei Mütter aus Greffen bei Harsewinkel initiieren Aktion am Tönnies-Firmengebäude

Britta Recker und Judith Malachow aus der Gemeinde Greffen bei Harsewinkel sprechen das aus, was zahlreiche Mütter und Väter im durch die Fleischfabrik Tönnies zur Krisenregion deklarierten Kreis Gütersloh denken: „Über tausend Mitarbeiter der Firma Tönnies sind Stand heute durch grob fahrlässiges Handeln der verantwortlichen Personen zum Träger des Covid 19 – Virus geworden. Weil erwachsene Menschen auf Geld und Profit nicht verzichten wollen, müssen jetzt die Kleinsten unserer Gesellschaft leiden.“ Denn die erste Reaktion auf die zahlreichen positiven Tests innerhalb der Belegschaft der Firma Tönnies war die Schließung aller Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh – noch vor Stilllegung des Fabrikbetriebes.

„Unsere Kinder sind der Situation machtlos ausgeliefert. Oft werden sie in der Öffentlichkeit blöd angeschaut, als wären sie giftig. Die Isolation während des Lockdowns hat Spuren hinterlassen. Und jetzt, gerade als sie wieder Vertrauen fassten, geht es für sie von vorne los. Schulabschluss, Kitaabschied und vieles mehr – alles geplatzt wie eine Seifenblase. Stattdessen ein abruptes Ende.“, erklärt Britta Recker, selbst zweifache Mutter, ihre Tochter geht zur Schule, ihr Sohn in die Kita. Eigentlich. Ohne zu begreifen und zu wissen, warum das so ist und ohne zu wissen, ob sie wieder wochenlang ihre Freunde nicht sehen können, mussten die Kinder die Schule oder die Kita verlassen. Britta Recker sorgt sich: „Das macht was mit unseren Kindern. Und auch das Thema Schule belastet Kinder und Eltern immens. Das Recht unserer Kinder auf Bildung hat schon lange kein Gewicht mehr.“

„Meine Kinder verstehen gar nicht, warum Erwachsene arbeiten dürfen und sie zu Hause bleiben müssen. Meine Tochter geht in die Schule, mein Sohn in die Kita, beide sind am Boden zerstört. Wir glauben, dass in Vergessenheit gerät, dass auch die Kinder Schaden nehmen. Nicht unbedingt physischen. Aber selbst die Kinder, die es zu Hause gut haben, kämpfen sehr mit der Situation. Von Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen ganz zu schweigen“, gibt Judith Malachow zu verstehen.

So wie Britta Recker und Judith Malachow geht es vielen Eltern im Kreis Gütersloh. Die Proteste in den sozialen Medien werden immer lauter. Was alle Eltern vereint ist die Wut auf die Fleischfabrik sowie auf alle Verantwortlichen, die zugelassen haben, dass es zu der jetzigen Situation gekommen ist.

Die beiden Mütter haben die Initiative ergriffen – stellvertretend für alle Kinder und Eltern im Kreis: „Wir möchten den Kindern eine Möglichkeit geben, ihr Leid und ihren Frust sichtbar zu machen. Deshalb rufen wir alle Eltern auf, am Montag zwischen 15:00 Uhr und 18:00 Uhr für jedes Kind, das in seinen Rechten eingeschränkt ist, einen Luftballon vor der Hauptzufahrt des Tönnies-Werkes – Gütersloher Straße – aufzustellen. Bitte unbedingt mit Beschwerung, die Ballons sollen nicht fliegen. Pandemiegerecht soll es ein stiller Protest werden. Wer möchte, stellt ein Plakat neben dem Ballon auf, mit der Aussage eines Kindes. Im Nachgang werden wir alles wieder entfernen und ordnungsgemäß entsorgen.

Die Luftballons können Corona nicht stoppen, aber sie sollen an die Kinder und an ihre Sorgen erinnern – und zu Verantwortung aufrufen. So hat Tim (10) bereits sein Plakat gemalt: „Ich bin wütend, weil ich gerne zur Schule gehe und weil ich gerne vorbereitet wäre für die 5. Klasse, ich hätte mich gerne verabschiedet. Und alles, weil ihr absichtlich nicht aufgepasst habt“. Und auf Lias (4) Plakat steht: „Ich möchte nicht wieder alleine spielen. Nur wegen Euch bin ich traurig.“

„Wir wünschen uns, dass sich die betreffenden Personen sich über ihre gesellschaftliche Verantwortung bewusst werden“, hoffen Recker und Malachow.


Bilder- und Textquelle:
Britta Recker und Judith Malachow per Mail vom 20. Juni 2020

Judith Malachow und Britta Recker